260 Seiten Drehbuch in einer Session: Ein KI-Experiment mit parallelen Agenten
#KI 01.03.2026 — 3 MIN READ

260 Seiten Drehbuch in einer Session: Ein KI-Experiment mit parallelen Agenten

Ein Kollege aus dem Film-Business und ich unterhalten uns regelmässig über KI. Sein Standpunkt: KI kann unterstützen, klar — aber eine langlaufende Story mit konsistenten Charakteren und glaubwürdigen Dialogen? Das kann sie nicht.

Das hat mich zu einem Experiment inspiriert. Nicht um ihn zu widerlegen, sondern um herauszufinden, wo die Grenzen tatsächlich liegen. Das Ergebnis: ein 260-seitiges visülles Drehbuch, 46 Szenen, 6 Charakter-Bibeln, 53 Szenenbilder — erstellt in einer einzigen Session.


Die Ausgangslage

Startpunkt war ein 4-seitiges PDF-Treatment. Logline, Weltbeschreibung, eine Figurentabelle, eine grobe 3-Akt-Struktur. Plus ein generiertes Filmposter. Nicht viel — aber ein klarer Rahmen.

Bevor eine Zeile Drehbuch geschrieben wurde, habe ich einen Research-Agenten losgeschickt. Der hat professionelle Drehbuch-Methoden recherchiert: Save the Cat Beat Sheet, Syd Field's Paradigma, Dan Harmon's Story Circle, Character-Bible-Strukturen nach Industriestandard, Lookbook-Best-Practices. Das Ergebnis war ein 10-seitiger Forschungsbericht.

Erst recherchieren, dann strukturieren, dann schreiben. In der Reihenfolge.

Erst die Menschen, dann die Story

Die wichtigste Entscheidung war: Charakter-Bibeln vor dem Drehbuch. Jeder Hauptcharakter bekam ein 2-3-seitiges Profil mit 10 Sektionen — Grunddaten, visülles Erscheinungsbild, chronologische Backstory, Psychogramm mit bewusster und unbewusster Motivation, fataler Fehler, Character Arc mit 5 Wendepunkten, Sprachprofil mit Beispieldialogen, Stress-Reaktionen, Schlüsselbeziehungen, Symbolik.

Abstrakte Darstellung: Sechs Charakter-Profile als geometrische Einheiten
CHARACTER BIBLES — SECHS PROFILE ALS FUNDAMENT

Das Template wurde am ersten Charakter entwickelt und dann konsistent auf alle angewendet. Drei der sechs Bibeln entstanden parallel — separate Agenten, gleicher Stil-Guide, gleiche Welt-Informationen.

Der Effekt war messbar: Die Charakter-Bibeln enthielten Sprachprofile mit Beispieldialogen, Tempo-Angaben und Sprachentwicklung pro Akt. Das führte dazu, dass die Protagonisten über alle Drehbuch-Blöcke hinweg konsistent geblieben sind — obwohl verschiedene Agenten sie geschrieben haben. Jeder Charakter behielt seine eigene Stimme, sein Tempo, seine Sprachmuster. Die Bibeln funktionierten als gemeinsame Referenz, ähnlich wie in einer echten Writers-Room-Produktion.

Story-Architektur nach dem Beat Sheet

Das Treatment hatte nur Stichpunkte pro Akt. Daraus entstand ein vollständiges Save the Cat Beat Sheet mit 15 Beats, konkreten Szenen, Seitenangaben und Minutenschätzungen — insgesamt 46 Szenen für circa 135 Minuten Filmlaufzeit.

Jeder Beat wurde gegen die Charakter-Arcs geprüft: Passt die emotionale Entwicklung der Protagonisten zum Timing? Sind die entscheidenden Momente an den richtigen Punkten? Hat jede Figur genug Präsenz für ihren Arc?

Sechs Agenten schreiben gleichzeitig

Dann der eigentlich interessante Teil: Das Beat Sheet wurde in 6 Blöcke aufgeteilt, je 25-35 Seiten. Alle 6 Blöcke wurden gleichzeitig von separaten Agenten geschrieben.

Abstrakte Darstellung: Sechs parallele Agenten arbeiten an Drehbuch-Blöcken
PARALLELES SCHREIBEN — SECHS AGENTEN, EIN DREHBUCH

Jeder Agent bekam den kompletten Welt-Kontext, alle Charakter-Stimmen und die genaün Szenen-Vorgaben aus dem Beat Sheet. Die Agenten arbeiteten etwa 5-10 Minuten parallel. Danach stand das Gesamtdrehbuch.

Das Prinzip ist ähnlich wie ein TV-Writers-Room, wo verschiedene Autoren verschiedene Episoden schreiben — alle mit dem gleichen Serien-Bible als gemeinsamer Basis.

Die visülle Ebene

Ein Stil-Guide definierte die visülle DNA des Drehbuchs. 46 Szenenbilder und 7 Charakter-Portraits wurden über Gemini Image Generation erstellt, alle mit konsistentem Stil-Suffix. Ein Python-Build-Script las dann alle Markdown-Dateien, konvertierte sie in HTML, bettete alle Bilder als Base64 ein. PDF-Export über Headless Chrome — 260 Seiten, 122 MB.

Was methodisch interessant ist

Der Character-First-Ansatz hat sich als entscheidend erwiesen. Ohne die Charakter-Bibeln wäre die Konsistenz über 6 parallel geschriebene Blöcke nicht möglich gewesen. Die Agenten hatten durch die detaillierten Sprachprofile eine klare Referenz — und die Protagonisten blieben dadurch innerhalb der Story glaubhaft.

Interessant war auch, dass die KI eigenständig eine Spiegelstruktur als dramaturgischen roten Faden entwickelt hat. Mehrere Figurenpaare spiegeln sich thematisch — ein Motiv, das sich konsistent durch alle 46 Szenen zieht. Das war keine Vorgabe, sondern ergab sich aus der Kombination von Recherche und Charakter-Arcs.

Ein weiterer Punkt: Die KI hat an entscheidenden Stellen bewusst Zurückhaltung gezeigt. Der emotionale Höhepunkt des Drehbuchs besteht aus genau einem Wort — keine Umarmung, kein Monolog, kein Soundtrack. Diese Entscheidung gegen Hollywood-Konvention passt zu den Charakterprofilen und zeigt, dass die Bibeln nicht nur die Sprache, sondern auch die dramaturgische Logik der Figuren beeinflusst haben.


Fazit

Das Experiment hat gezeigt, dass die Frage falsch gestellt ist. Es geht nicht darum, ob KI ein Drehbuch schreiben kann. Es geht darum, wie man den Prozess strukturiert.

Charakter-Bibeln vor dem Schreiben. Research vor der Struktur. Klare Vorgaben für parallele Agenten. Die Qualität des Outputs hängt direkt an der Qualität der Vorbereitung — genau wie bei menschlichen Autoren.

Ob das Ergebnis an ein von erfahrenen Drehbuchautoren geschriebenes Script herankommt, bezweifle ich ehrlich gesagt. Aber die grundsätzliche Struktur hat funktioniert: 260 Seiten mit konsistenten Charakterstimmen, einer durchgehenden dramaturgischen Logik und einem emotionalen Arc, der nachvollziehbar ist. Dass das überhaupt möglich ist, hätte ich vor diesem Experiment nicht gedacht. Und es war auf jeden Fall eines der lustigsten Experimente, die ich bisher mit KI gemacht habe.